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cinearte XL 019, April-June 2011
Wie arbeitet man eigentlich für den Film? Wir fragten die Schauspielerin Senta Dorothea Kirschner

Ausgerechnet Spitzenschuhe ebneten Senta Dorothea Kirschner, Jahrgang 1976,ihren Weg zum Film. Mit drei Jahren begann die gebürtige Münchnerin Ballett zu tanzen, als Schülerin wurde sie in die Ballett-Akademie München aufgenommen, bewarb sich vor dem Abitur in Dresden an der Palucca- Schule, um eine Tänzerkarriere aufzubauen. „Es soll nicht sein“, tröstet man sie. Und empfahl: „Machen sie Schauspiel.“ Noch wenig begeistert davon probierte Kirschner das in der Theater-AG des Gymnasium aus. Sie gefiel, und ihr gefiel es wohl auch, denn zu einer Aufführung hat sie schon mal selbstbewusst die Schauspieleragentur de la Berg zitiert. Nach dem Abi ging es gleich über den Atlantik in die USA zur touristischen Stippvisite. Sie blieb länger, auch weil ihr der Regiestudent Jason Mullis die Hauptrolle im Spielfilm „Who’s Your Angel?“ auf den Leib schrieb. Zurück in Deutschland sollte den Erfolgsweg eigentlich eine der üblichen Schauspielschulen ebnen. Auch das sollte nicht sein, also flog Kirschner nach New York, um im Michael Chekhov Studio und später im The Studio in Los Angeles das Schauspielern zu lernen. Weil sie die weite Welt mittlerweile gut kannte, zog es sie ausgerechnet ans Fränkische Theater Maßbach, wo die mütterlichen Wurzeln des Michael Ballhaus ihr Theatererfahrung mitgaben. Zuletzt spielte sie im Bollywood-Actionfilm „Don 2“ im Cast an der Seite von Shah Rukh Khan mit und trat als Katrin in Tom Tykwers „Drei“ auf. Sie sagt von sich, sie sei ein „Sensibelchen“. Und begab sich vielleicht auch deswegen als beinharte Polizistin von der Spurensicherung auf die Fährte der Zerstörung, die Dennis Gansel in „Wir sind die Nacht“ inszenierte.
Weil man beim Casting exponierte Szenen spielt, fehlt meistens noch das Gefühl für die gesamte Geschichte. Einen ersten Eindruck hole ich mir beim Lesen des Drehbuchs ganz abgeschieden Zuhause. Der Eindruck muss sich setzen, wie eine Sanduhr, die erst am nächsten Morgen wieder umgedreht wird. Erst dann lese ich einzelne Szenen bis zu 15 Mal durch und memoriere auch den Text. Übrigens liegt während der gesamten Vorbereitungsphase das Drehbuch tatsächlich jede Nacht unterm Kopfkissen oder unter dem Bett. Ein Ritual, ohne das ich nicht auskomme. Irgendwann geht es an die Charakterarbeit; mein Ausgangspunkt ist es, die naturgegebenen Dysbalancen in den Figuren zu finden, das ist zunächst eine körperliche und rhythmisch-melodische Arbeit. Jede Rolle hat einen individuellen Platz im Körper – Trauer kann beispielsweise in den Schulter oder in den Knien sitzen. Diese Bewegungen muss ich finden und ein schlüssiges Verhalten der Figur komponieren. Jeder Charakter hat sein eigenes inneres Gefüge. Als Polizistin der Spurensicherung bei „Wir sind die Nacht“ etwa war es eine Herausforderung, die pragmatische Abgeklärtheit dieser Frau zu finden. Jemand, der so viel Zerstörung sieht, wird das Leben anders wahrnehmen. Da hatte ich mich vorher manchmal auch konzeptionslos durch Berlin treiben lassen und nahm die Reaktionen der Leute auf, denen ich begegnet bin. Sport gehörte unbedingt dazu, um das Blut in mir pulsieren zu spüren. Eine andere Vorbereitung ist bei Nebenrollen notwendig, die keine Sprechrollen sind – in der Rolle als Geisel, etwa. Da hilft das Kostüm, in eine innere Haltung zu rutschen und Präsenz zu zeigen. Bei Hauptrollen erarbeite ich ein richtiges Charaktergefüge, schlüpfe in ein Leben hinein. Da ist es manchmal ein Kunststück, nicht privat zu werden, wenn der Figurencharakter fast kongruent zum eigenen scheint. Die längste Rollenvorbereitung dauerte sechs Wochen. Dazu gehört auch, mit dem Regisseur und seinem Input zur Geschichte zu arbeiten, etwa Musik aus der jeweiligen Erzählzeit zu hören, Filme oder andere Quellen zum Studium herzunehmen.
Am Set selbst laufe ich kurz vor meinem Dreh, an der Kameralinie entlang – zwischen der szenischen Welt und der Produktionsseite. Diesen Grenzgang brauche ich, nachdem ich in der Maske war, um so langsam in die Rolle zu schlüpfen. Dieser psychologische Übergang ist meistens sehr heikel, denn dann ist es schon eine Herausforderung, mal eben einen Kaffee zu holen. Am Ende des Drehtages kann ich auch nicht so schnell ausschwenken, wie manche Kollegen. Das funktioniert nur Zuhause. Dort schminke ich mich ab, tauche allmählich in meinem eigenen Alltag hervor. Und ich koche. Auch noch um drei Uhr nachts. Danach führe ich meine Labradorhündin spazieren. Während einer Filmproduktion ist mein soziales Leben auf ein Minimum beschränkt. Zwischen Filmprojekten bin ich froh, auf einen Freundeskreis jenseits der Branche zurückgreifen zu können.
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